Wir streicheln unseren Hund aber essen Elsa die Kuh, von der Weide nebenan.
Spenden unser halbes Monatsgehalt an Tierschutzorganisationen, während wir genüsslich unsere Spiegeleier mit Speck frühstücken.
Kompostieren brav unseren Bioabfall, trennen Glas und heizen mit erneuerbaren Energien, fliegen aber regelmäßig nach Thailand, zur Erholung, um Ferien zu machen.
Wir sind Veganer, wollen bloß bio Tofu, essen ihn dann aber mit der Plastik Gabel.
Wir duschen nur ganz kurz, um Wasser zu sparen, trinken aber gerne unseren Eistee von Nestlé.
Demonstrieren gegen Erdogan, gegen Unterdrückung, für mehr Menschenrechte. Posten es dann auf Facebook und Instagramm, mit unserem iPhone, von Apple.
Bio Produkte sind zu teuer, finde ich, mit Gucci Sonnenbrille auf der Nase, den neuen Air Max von Nike und Tasche von Prada. Bin bei den Grünen, fordere Erbschaftssteuer, 1:12, Grundeinkommen. Meine Miete zahlt Papa, Manager bei der CS.

Hallo, mein Name ist Mensch und ich bin konsequent inkonsequent.
Das wäre doch mal eine sinnvolle Selbsthilfe Gruppe, nicht?

An potentiellen Teilnehmern würde es jedenfalls nicht mangeln.
Es scheint ja beinahe so, als wäre diese Eigenheit eine Krankheit unserer Zeit. Unsere Gesellschaft versinkt im Dilemma, immer tiefer und tiefer. Wiedersprüchliches Verhalten bis zum Abwinken, man kommt kaum noch nach.

Das Thema Konsequenz beschäftigt mich momentan sehr. Zu leben was man sagt, für seine Werte einzustehen, Ideologien umzusetzen, ohne Kompromisse, ohne Geheuchel. Mehr Taten statt Worte.
Hört sich simpel an.

Denken, sagen, machen. Basta.

Einfacher gehts nicht, oder?
Da täuscht du dich gewaltig. Und womöglich ist es genau jene Naivität, unser unvoreingenommener Übermut, welcher uns schlussendlich in die Falle tappen lässt.
Man ist jung, engagiert und möchte am liebsten die ganze Welt retten. Utopische Vorstellungen, kreative Ideen und einen sprudelnder Enthusiasmus, im Grunde die idealen Bedingungen für ein erfolgreiches Konzept, oder etwa nicht?

Beinahe.

Sicherlich allesamt essentielle Eigenschaften, keineswegs sind sie aber ein Impfstoff gegen diesen überaus resistenten Infekt. Überall warten sie auf dich, fiese hinterhältige Zwickmühlen, besonders dann wenn man sich übereifrig und voller Tatendrang in ein Projekt hängt, sich in Sicherheit glaubt und vor Selbstvertrauen nur so strotzt.
Denn genau da, wenn vieles erst noch Vision ist, deine Ideen und Ziele noch vage sind, du noch keine Struktur hast, keine Pläne, keine konkrete Vorstellungen davon, wie du genau von A nach B willst. Wie aus Worte Taten werden sollen.
Da, genau da, schleicht sie sich ein, die Inkonsequenz, diese Krankheit, leise und unbemerkt, will sie dir, Stück für Stück, deine Motivation rauben, dich sabotieren und all deine guten Vorsätze über den Haufen werfen, dir deine Kraft aussaugen.
Und mit jedem kleinen Hindernis, dass sie dir im den Weg stellt, mit jeder einzelnen unscheinbaren Ausrede von dir, feiert sie einen kleinen Triumph auf dem Weg ihrer glorreichen Sabotage.

Wir kennen es doch alle; willst früh aus den Federn, den Tag bei den Hörnern greifen, deine To-Do Liste angehen, aber das Bett ist gerade so unglaublich kuschelig und warm.
Willst abnehmen aber die Schoggi ist so lecker, das Baguette so knusprig und die Pommes, wie die riechen, absolut unwiederstehlich!
Solltest lernen, doch das Wetter ist einfach grandios heute, die Party am Wochenende viel zu aufregend um sie sausen zu lassen.
Und aufräumen kannst du doch auch noch morgen, oder?

Wir alle kennen diese kleinen Alltags-Dillemas.
Da kann man ja mal ein Auge zudrücken. Vollkommen richtig. Doch was im einzelnen harmlos scheint, wird in der Summe zum wahren Alptraum.
Meist bleibt es nämlich nicht bei diesem einem Mal und ehe du dich versiehst, steckst du erneut in deinen alten Gewohnheiten.

Pläne auf Eis, Ziele relativiert.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe doch auf morgen. So ging das doch, oder? Fast...

Die Inkonsequenz, ein Verhalten, dass uns nich bloss bei belanglosen Neujahrsvorsätzen einholt, nein, leider auch überall da, wo es tatsächlich darauf ankommt.
Themen wie Recycling, Abfallreduktion, Konsumverhalten, oder auch die Entscheidung sich dem Veganismus anzuschließen. Alle betreffen sie Probleme unserer Gesellschaft, welche unüberschaubar riesig und komplex erscheinen und uns viel zu schnell einschüchtern.
Der anfängliche Übereifer schlägt leicht in eine ernüchterte Überforderung um.

Du hast gedacht vegan zu sein wär doch so simpel, so easy?
Ein Leben ohne tierische Produkte, ein Kinderspiel!
Merkst aber erst jetzt, dass sich das nicht bloß auf die Ernährung beschränkt, dass man auf Kleinigkeiten achten muss, Inhaltsstoffe akribisch genau durchlesen muss, es womöglich zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann zwischen dir und deinem Umfeld, du dich mit etlichen lahmen Sprüchen über "Rüebli mampfende" Veganer rumschlagen musst oder, dass sich ein Restaurantbesuch zu einer wahren Herausforderung entwickeln kann.

Da ist es tatsächlich sehr verlockend, das Auge etwas häufiger zu zudrücken, mehr Ausnahmen zu machen, Dinge aufzuschieben, bis man schließlich vollkommen das Handtuch wirft. Klar, weder kannst du allein die ganze Welt retten, noch beeinträchtigt eine kleine Sünde eines einzelnen Individuums nennenswert unsere globale Situation.

Und doch, Umweltverschmutzung, CO2-Belastung, vermüllte Meere, Welthunger...und vieles mehr. Das sind reale Problem. Geschaffene Problem. Allesamt entstanden aus vielen kleinen, unscheinbaren Einzelhandlungen, welche addiert ein gravierendes Ausmaß annehmen.

Du zählst.

Alles was wir tun. Egal wie klein der Beitrag scheint. Es zählt, es lohnt sich und liegt in unserer Verantwortung.
Also lass dich nicht abschrecken, ganz egal wie komplex das Ganze aussieht.
Konzentrier dich auf jede Kleinigkeit die du ändern kannst, jedes Schnippselchen Abfall das du vermeiden kannst, jede vegane Alternative, und jede Flasche die du im Altglas korrekt entsorgst.
Sei stolz auf jeden noch so klitzekleinen Schritt in die richtige Richtung.

Es zählt.

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Dieser Blog-Gastbeitrag wurde von Livia Huber verfasst. Livia ist passionierte Triathletin und studiert Soziologie und Politologie. 

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