Ganz bewusst, schreibe ich diesen Text so neutral als möglich. Ich will mich hierbei nicht bloss auf den Veganismus beziehen, denn der unten beschriebene Konflikt, kann sich auf die unterschiedlichsten Kontexte beziehen. Mit diesem Text will ich auch ein Stück weit zeigen, dass diese innere Kontroverse etwas ist, dass jeder und jede in seinem Leben erfahren kann und vielleicht auch, um mehr gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen.
Eigene Erfahrungen mit derartigen Problemen, Tipps oder einfach bloss Meinungen sind sehr willkommen.
Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit in deiner Brust, bist wütend aber machtlos zugleich. Es brodelt nur so in dir.
Enttäuschung, Frust und beinahe eine Art Verzweiflung, schnüren dir die Kehle zu, bringen dich innerlich zum Ausrasten.
Aber Kämpfen bringt nichts, Streiten kannst du nicht, Angreifen willst du nicht.
Denn die Angst ist da und hält dich zurück, lähmt dich.
Die Angst vor Verlust, davor, diejenigen im Leben zu verletzen oder gar zu verlieren, welche dir am meisten bedeuten.
Hört sich dramatisch an. Ist es auch.
Gibt es etwas in deinem Leben, was dir unglaublich viel bedeutet? Ich meine so richtig viel? Was dich Feuer und Flamme macht? Was ausdrückt, wo deine Werte und Überzeugungen liegen, wofür du bereit bist, dein Leben komplett umzukrempeln? Und vor allem, wofür du dich mit all deiner Leidenschaft und Enthusiasmus einsetzen willst? Womit du tatsächlich etwas verändern willst, etwas auf unserer Erde bewegen zu suchst?
Nein? Schade für dich.
Bist du aber eine / einer, von der Sorte, welche keine halben Sachen mag, wirst du in diesem Moment sicherlich die Hand zur Faust ballen, aufstehen und laut „Jawohl!“, rufen. Glaub mir, das spüre ich. Ich kann dich geradezu sehen.
Und lautet die Antwort wahrhaftig ja, so brennt bestimmt ein Feuer in dir, so trägst du mit Sicherheit die Hoffnung und Zuversicht mit dir, dass deine Überzeugungen, deine Wertevorstellungen nicht bloss dich allein betreffen, sondern von kollektivem Interesse sind.
Du willst teilen, wie du die Welt siehst, möchtest andere davon überzeugen, ihnen näherbringen, was in deinen Augen von unglaublicher Bedeutung ist.
Ein grossartiger Enthusiasmus der aber allzu gerne in Übereifer umschlagen kann.
Jemand ist anderer Meinung, hat kein Verständnis für dein Anliegen, will sich deine Argumente kaum anhören oder greift dich gar an? Unmöglich. Wie kann man bloss nicht dieser Meinung sein? Wie kann es sein, dass man die Zusammenhänge nicht erkennt? Wie kann es sein, dass jemand überhaupt auf die Idee kommt, zu hinterfragen, was doch absolut unbestritten ist?
Und ehe du dich versiehst, passiert es, du fühlst dich in die Defensive getrieben, verlierst das Verständnis, die Fähigkeit, dich in dein Gegenüber hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, was diese Person fühlt und denkt. Oder eben nicht denkt.
Und prompt wandelst du dich vom utopischen Pionier zum besessenen Diktator.
Augen öffnen war gestern, du würdest sie ihnen am liebsten allesamt geradezu aufreissen.
Denn mit der Ablehnung kommt der Frust, die Weissglut, die Verzweiflung darüber, dass völlig gleichgültig von welch fundamentaler Bedeutung deine Ideologie zeugt, Freiheit ist das kostbarste aller Rechte. Zwingen kannst du niemanden.
Auch nicht deine Familie oder Freunde, egal wie sehr du es dir wünscht, egal wie weh es tut.
Und wie es weht tut.
Ganz besonders bei den Menschen, die dir so sehr am Herzen liegen, von denen du jede mögliche Unterstützung gebrauchen könntest, bei denen du doch eigentlich meinst auf der gleichen Wellenlänge zu sein, Menschen, mit Herz und Verstand, mit Liebe und Mitgefühl.
Und doch, deine Nächsten verstehen dich nicht, stehen nicht hinter dir, nein, versperren sich gar vor deinen Ideen, deiner Meinung und lehnen jeglichen Überzeugungsversuch von Grund auf ab.
Es entsteht ein emotionales Dilemma.
Liebe und Vertrauen zu deinen engsten Freunden, deiner Familie vs. Deiner Lebensweise, deinen elementarsten Wertvorstellungen.
Eine zerreissende Situation. Im Kopf sowie im Herzen.
Hier beginnt es kompliziert zu werden. Aber so richtig.
Und ich denke auch nicht, dass es eine klare Lösung gibt. Jedenfalls nicht die ultimative Lösung. An diesem Punkt, wird wohl jeder, tief in sich hineinhorchen müssen, sich den Tatsachen stellen und den Mut finden müssen, den für sich einzig richtigen Weg zu wählen.
Fragen werden aufkommen wie: „Wie viel Wert ist mir diese Beziehung? Wie weit bin ich bereit, Kompromisse einzugehen? Ist es möglich eine Dissonanz zwischen zwei absolut elementaren Bestandteilen meines Lebens zu akzeptieren? Kann ich oder bin ich überhaupt bereit dazu, diese zwei Dinge emotional voneinander zu trennen? Muss ich mich entscheiden? Was kann ich von meinem Gegenüber erwarten? “ usw.
Ich selbst, habe für mich auf diese Fragen leider noch keine befriedigenden Antworten gefunden. Gibt es die überhaupt? Ich weiss es wirklich nicht.
Was ich aber zu wissen glaube, ist, dass um sich seinen eigenen, ehrlichen und aufrichtigen Antworten bewusst zu werden, sich dieser Hürde zu stellen, ja sie gar als Chance zu sehen, sich selbst besser kennenzulernen, unglaublich viel Mut und Stärke von einem abverlangen wird. Womöglich wird man auch kaum unmittelbar zu einer Lösung kommen. Viel mehr wird es ein Prozess, ein Prozess von langwierigem, schmerzhaftem, herausfordernden Charakters.
Was ich ebenso glaube, ist, dass es sich in jeden Fall lohnen wird. Denn so oder so, man wird immer ein kleines Stück mehr Wahrheit, mehr Gewissheit in sein Leben bringen.
Wie sagt man so schön? „Der Mensch wächst am Widerstand“
Und dies ist mit Sicherheit eines der kostbarsten Geschenke, welches man sich selbst machen kann. Dafür lohnt es sich zu leiden, zu kämpfen, bestimmte Dinge loszulassen und weiter zu gehen, ohne Reue und ohne Wehmut.
Denn zu wissen, wer man ist, was man will und wofür man einsteht, bedeutet für mich Freiheit. Und was gibt es schöneres als frei zu sein?
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Eva's Apples bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge müssen nicht zwingend die Sichtweise von Eva's Apples widerspiegeln.
Dieser Blog-Gastbeitrag wurde von Livia Huber verfasst. Livia ist passionierte Triathletin und studiert Soziologie und Politologie. livia.huber|at|windowslive.com
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