Im Rahmen einer interdisziplinären Projektarbeit für die Gewerbliche-Industrielle Berufsschule Bern (GIBB), haben sich Marijo Doslic und sei Kollege Remystephan Kandasamy (beide 21 Jahre alt) mit dem Thema vegane Ernährung auseinandergesetzt und Eva Kelemen zum Thema befragt. So interessante und fundierte Fragen fanden wir auf jeden Fall Blog-würdig und möchten euch die Antworten nicht vorenthalten.
Seit wann ernähren Sie sich Vegan?
Ich ernähre mich seit 2012 vegan. Eher zufällig habe ich das Buch „Tiere essen“ gelesen und danach stand für mich der Entschluss fest, dass ich Veganerin werde. Vegetarisch zu leben stand für mich ausser Frage, da auch die vegetarische Lebensweise Tierleid und Tod verursacht. Ich habe mir für den Umstieg ein ganzes Jahr eingeplant, jedoch bin ich bereits nach wenigen Monaten auf eine komplett vegane Lebensweise umgestiegen, da es einfacher war als ich dachte.
Inhaberin Eva's Apples, Eva Kelemen
Wieso haben Sie sich für eine vegane Ernährung entschieden?
Bevor ich Veganerin wurde, wusste ich überhaupt nicht, dass solch eine Lebensweise existiert. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass sich jemand einen Buchtitel tätowieren liess und weil mir das sehr ungewöhnlich erschien, erweckte es meine Neugierde. Das Buch trug den Titel „Tiere essen“ und wurde vom amerikanischen Autoren Jonathan Safran Foer verfasst. Ich kaufte mir das Buch und nach dem ich es gelesen hatte, begann ich zu hinterfragen, warum wir gewisse Tiere essen und andere als Haustiere verwöhnen. Man hat uns schon von klein auf beigebracht, dass man seine Macht gegenüber den Schwächeren nicht ausnutzen sollte. Aber genau das machen wir mit den sogenannten „Nutztieren“ und von dem wollte ich kein Teil mehr sein.
Was hat sich seit der Umstellung verbessert? Verschlechtert?
Auf die Gesundheit bezogen hat sich nichts verschlechtert, eher im Gegenteil, ich fühle mich viel aktiver, leichter und meine Schlafqualität hat sich deutlich verbessert. Ich fühle mich einfach allgemeinen besser, was sicher auch damit zusammenhängt, dass ich, seit ich auf tierische Produkte verzichte, ein reineres Gewissen habe.
Nehmen Sie Supplemente zu sich, um den Mangel an Vitamin B12 und D3 vorzubeugen?
Ja, das mache ich, weil es oft empfohlen wird und das nicht nur bei vegan lebenden Menschen, sondern auch bei Menschen, die tierische Produkte konsumieren. Beim Vitamin D3 ist es so, dass es über die Haut, beim Auftreffen von Sonneneinstrahlung gebildet wird. Deswegen hat es nichts mit der veganen Ernährung zu tun, sondern mehr mit der Berufswahl. Wenn man die tägliche Dosis ohne Supplemente aufnehmen möchte, sollte man sich für einen Beruf in der Natur wie z.B. Gärtner entscheiden, oder darauf achten, dass man sich täglich ausreichend an der Sonne aufhält. Wenn man Vitamin D supplementieren muss ist es wichtig darauf zu achten, dass die Grundsubstanz nicht tierischen Ursprungs ist.
In welcher Form nehmen Sie das Nahrungsergänzungsmittel zu sich? In Tabletten-oder Sprayform?
Ich nehme beide Vitamine in Sprayform zu mir. Ich würde es aber auch nicht ablehnen, sie in Tablettenform zu mir zu nehmen, solange sie nicht in Gelatine-Kapseln sind.
Wie viel und wie oft haben Sie früher tierische Produkte konsumiert?
Ich habe wie die meisten Menschen täglich tierische Produkte konsumiert, weil in fast allen Lebensmitteln tierische Zutaten enthalten sind. Wenn man nicht bewusst darauf achtet, ist es fast unmöglich, keine tierischen Produkte zu konsumieren.
Wie genau achten Sie auf eine vegane Ernährung? Wo setzen für sich die Grenzen im Alltag?
Es gibt natürlich keine 100%ige Konsequenz und ich finde, jeder soll mit sich selber vereinbaren wo er seine Grenzen setzt. Bei mir ist zum Beispiel die Grenze, dass ich, wenn ich bei Kollegen zu Besuch bin, nicht speziell nachfrage, ob der Wein auch wirklich vegan ist. Viele Leute wissen gar nicht, dass Weine, Säfte und Essige oftmals mit Gelatine oder anderen tierischen Zusätzen geklärt werden und somit nicht vegan sind. Ich frage auch nicht nach, welcher Essig für die Salatsauce verwendet wurde; ich finde das ginge zu weit. Wenn ich selber Essig einkaufe, achte ich aber darauf, dass der Essig mechanisch gefiltert wurde und somit vegan ist.
Warum würden Sie eine vegane Ernährung weiterempfehlen?
Es gibt etliche Gründe, warum ich eine vegane Ernährung sehr empfehlen kann. Da wären sicher mal die gesundheitlichen Vorteile, die eine pflanzliche Ernährung mit sich bringt. Heute ist aus verschiedenen Studien bekannt, dass der Verzehr von tierischen Produkten viele Krankheiten begünstigt wie z.B. Allergien, Krebs, Herzerkrankungen u.s.w.
Viele Menschen lassen sich auch viel zu stark von der Fleisch-und Milchindustrie beeinflussen, denn es wurde bis heute nicht bewiesen, dass Fleisch und Milch für uns gesund sind.
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Ethik. Ich sehe es nicht ein, warum wir Menschen uns über die Tiere stellen uns sie so schlecht behandeln, nur weil wir offenbar intelligenter sind. Eines Tages könnte eine intelligentere Spezies auf unseren Planeten kommen und dann würden wir auch nicht wollen, dass sie mit uns so umgehen wie wir mit den Tieren.
Ein weiterer sehr grosser Aspekt ist die Umwelt, die durch die vegane Ernährung stark geschont würde. Man holzt riesige Regenwaldflächen ab für den Anbau von Soja und Mais, die man anschliessend den Tieren verfüttert. Auf der anderen Seite verhungern Menschen, die nicht genügend Nahrung kriegen. Deswegen finde ich die Umwelt und den Welthunger zwei sehr entscheidende Argumente, die für eine pflanzliche Ernährungsweise sprechen. Der enorme Wasserverbrauch und die Wasserverschmutzung durch die Tierhaltung sind weitere Stichworte – ganz zu schweigen von den leergefischten Meeren.
Was wissen sie über die Massentierhaltung in der Schweiz?
In der Schweiz entsteht ein Zerrbild, was die Massentierhaltung betrifft, weil immer nur von den vorbildlich geführten Betrieben die Rede ist. Weil man von den Massentierhaltungsbetrieben nur sehr selten etwas hört, ist man der Meinung, dass sie kaum existieren. Aber man kann sicher sein, dass 90% vom Fleisch, das man in den Geschäften vorfindet, aus Massentierhaltungen stammen. Es ist nur ein kleiner Prozentsatz der Tiere, die ein gutes Leben geführt haben. Nicht einmal das Bio-Fleisch garantiert, dass die Tiere ein gutes Leben hatten. Bio-Fleisch hat mit einer besseren Haltung der Tiere weniger zu tun als allgemein angenommen wird. Zum Beispiel wird auch bei Bio-Hühnern die Hälfte aller geschlüpften Kücken gleich am ersten Lebenstag vergast oder lebendig geschredert, nämlich alle männlichen Kücken - die sind ein Abfallprodukt der Legehennen-Industie.
Wie fest schränkt Sie die vegane Ernährung im Alltag ein?
Es ist eine gewisse Einschränkung, weil man besser planen muss. Vor allem wenn man unterwegs ist, muss ich damit rechnen, dass ich nicht immer etwas zu essen finde und deshalb sorge ich dafür, dass ich immer etwas dabei habe. Eine Einschränkung ist es in dem Sinne, weil nicht überall vegane Nahrungsmittel verfügbar sind. Aber die Möglichkeiten werden immer besser, weil verschiedene Lebensmittelgeschäfte vegane Produkte in ihr Sortiment aufnehmen. Man findet immer etwas zu essen; im Winter kann man z.B. an vielen Ständen Maronen kaufen, die sehr sättigend sind. Es ist bis jetzt noch nie vorgekommen, dass ich unterwegs hungern musste.
Wie reagieren Freunde, Bekannte darauf?
Anfangs haben sich meine Freunde und Bekannten immer nach meinen Beweggründen erkundigt, aber heute wo die meisten wissen, dass ich vegan lebe, fragt kaum einer mehr nach.
Haben Sie in ihrem Umfeld jemanden dazu bewegt, vegan zu werden?
Vielleicht nicht direkt 100% vegan, aber viele Freunde und Bekannte kochen gelegentlich vegan. Ich finde jeder noch so kleine Schritt zählt.
Wie sieht die finanzielle Seite aus? Empfinden Sie die vegane Lebensweise als teurer?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man selber kocht und frische Sachen verwendet, es recht günstig ausfällt. Was eher teuer ist, sind die veganen Fertigprodukte, die aber auch als nicht vegane Fertigprodukte teuer sind. Da bei einer pflanzlichen Ernährung die kostenintensiven Fleisch- und Milchprodukte wegfallen, macht sich im finanziellen Bereich keine Veränderung bemerkbar.
Wie meistern Sie auswärtigen Anlässe (Büroessen, Weihnachtsessen usw.)?
Das erfordert eine gute Planung. Man muss sich mit den Veranstaltern absprechen und ihnen mitteilen, dass man sich vegan ernährt und sie darauf Rücksicht nehmen müssen und nicht in einem Steakhouse Plätze reservieren.
Warum wird aus Ihrer Sicht die vegane Ernährung von der Gesellschaft nicht stärker gefördert oder anerkannt?
Ich denke, viele Menschen sind damit aufgewachsen und betrachten den Konsum von tierischen Produkten als „normal“. Wenn man in der Geschichte zurückreist, sieht man, dass die Sklaverei auch als „normal“ empfunden wurde und heute würde sie kein Mensch mehr unterstützen. Beim Frauenstimmrecht war es dasselbe. Bereits früher waren es nur wenige, die dafür einstanden. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns heute mit dem Veganismus. Aus meiner Sicht gibt es so viele gute Gründe, die für eine vegane Lebensweise sprechen, dass früher oder später ein gesellschaftlicher Wandel die Folge sein wird.
Denken Sie, dass uns bewusst eine falsche Ernährungslehre vermittelt wird? Falls ja, warum?
Ja, absolut. In den asiatischen Ländern, wo früher vergleichsweise zur westlichen Welt keine Milch und wenig Fleisch konsumiert wurden, kannte man auch kaum Zivilisationskrankheiten. Heute, wo sie die Ernährungsform des Westens anpassen, steigen auch die Zahlen der Zivilisationskrankheiten. Ich sehe da einen direkten Zusammenhang mit den Krankheiten und der falschen Ernährungsform. Die Ernährungsform wird durch Werbung von der Fleisch- und Milchindustrie stark gefördert, weil sie das nötige Kapital dafür haben, aber diese Ernährungsform ist ein kompletter Widerspruch zu den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Es ist unbestritten, dass unsere Vorfahren Fleisch assen. Warum sehen Sie es heute nicht mehr als „natürlich“, Fleisch zu konsumieren?
Erstens sollte man vielleicht erwähnen, dass unsere Vorfahren nur in sehr geringem Mass Fleisch konsumierten. Sie assen nicht, wie in der heutigen Zeit, täglich Fleisch. Und heute wo es wissenschaftlich bewiesen ist, dass eine pflanzliche Kost gesünder ist, sehe ich keinen Grund mehr für den Konsum von Fleisch. Wie bereits erwähnt, könnte man heute viele Probleme lösen, indem man aufhört, Fleisch zu essen.
Wie steht es mit dem Umsatz in Ihrem Laden? Gibt es genug vegane Anhänger um den Laden sorgenfrei zu führen?
Es ist allgemein nicht einfach als kleiner Lebensmittelladen zu bestehen. Das hängt aber in erster Linie mit dem Produkt „Lebensmittel“ zusammen und nicht ob es vegan ist oder nicht.
Wie erziehen Sie oder werden Sie ihre Kinder im Bezug auf die Ernährung und Konsum von tierischen Produkten erziehen?
Da ich überzeugte Veganerin bin und da man sich für seine Kinder immer nur das Beste wünscht, werde ich sie selbstverständlich ohne den Konsum von tierischen Produkten erziehen.